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Ständig mit dem Tod konfrontiert

09.09.2026 | Zwei Klinikkolosse mit drei Kapellen in Karlsruhe und in der Krankenhaus-Seelsorge tun sich existenzielle Fragen auf

Freiburg / Karlsruhe. Ein weitläufiges Areal mit monoton wirkenden dunkelroten Sandsteingebäuden aus der Kaiserzeit – das Gelände der städtischen Krankenhäuser in der ehemaligen Residenzstadt Karlsruhe hat den Charme einer Kaserne oder eines Gefängnisses. Etwas Bedrückendes liegt auf ihm. Doch etwas höchst Erfreuliches geschieht hier: In diesen Häusern wird geheilt. So gut es geht. Außerdem sind die Klinikseelsorger und -seelsorgerinnen da, um den Patienten Druck, Ängste und Sorgen zu nehmen.
 
Auf dem altertümlichen Klinik-Campus liegt eine Kapelle erbaut im Jahr 1907. Ein Gebäude für sich, eine Simultankirche, in der sonntäglich ab 8.45 Uhr die Messe gefeiert wird und anschließend ein evangelischer Gottesdienst. An dem alten Gemäuer hängt eine auffällig moderne Tafel mit der Aufschrift: „Städtisches Klinikum Karlsruhe, A, Kapelle“. Selten kommen Patienten in das abseitsgelegene Gebäude.
 
Einer Verwaltungs- und Beamtenstadt wohl angemessen sind die Gebäude des weiträumigen Areals etwas phantasielos durchbuchstabiert. Eine weitere Kapelle ist im „Haus D“, das an den Neubau der Klinik („Haus M“) angedockt ist. Auch sie wird ökumenisch genutzt. Donnerstags- und Samstagsabend gibt einer der Seelsorger einen spirituellen Impuls, der über Bildschirme auf die Zimmer übertragen wird. „Man steht hier in der Kapelle, schaut in die Kamera und weiß nicht, wie viele Patienten auf den Zimmern am Impuls teilnehmen“, sagt Pastoralreferent Guntmar Huber, Leiter der katholischen Klinikseelsorge in Karlsruhe. Pfarrer Alexander Schleicher, ebenfalls aus dem Seelsorgeteam, ergänzt: „Oft kommt es nach der Übertragung zu Gesprächen über den Impuls, das macht ihn wertvoll.“ 
 
  

Zettel in Ritzen wie an der Klagemauer in Jerusalem

Die Kapelle in „Haus D“ atmet Funktionalität, hat den Charme eines Konferenzraums, wären da nicht die sakralen Gegenstände wie Kreuz, Altar und Ambo, die dem Raum eine würdigere Atmosphäre verschaffen. Am rechten Rand fällt der Ansatz einer gerundeten, halbhoch gezogenen Mauer auf. In ihren Ritzen stecken grüne Zettel. Wie an der Klagemauer in Jerusalem können Gläubige ihre Anliegen, seien es Bitte oder Dank, aufschreiben und symbolisch Gott übereignen. Das Mauerfragment wurde 2008/09 gesetzt. Ursprünglich waren die Ritzen nur für die Namen von Verstorbenen vorgesehen. Einmal im Jahr werden die Zettel herausgenommen und im Osterfeuer verbrannt, der oder die Verstorbene wird der Hoffnung auf Auferstehung anheimgegeben.
 
  
 
„Haus M“ ist das längste Gebäude Karlsruhes. Vor fünf Jahren wurde es für 300 Millionen Euro fertig gestellt. Das Städtische Klinikum hat insgesamt 1600 Betten auf 60 Stationen in 26 medizinischen Fachabteilungen. Im Jahr werden mehr als 50.000 Patienten und Patientinnen stationär und knapp 200.000 ambulant behandelt von knapp 700 Ärzten und Ärztinnen sowie mehr als 2200 Pflegern und Pflegerinnen. Insgesamt arbeiten hier mehr als 4500 Menschen.
 
Geradewegs durch den Haupteingang und strikt geradeaus trifft der Besucher auf den „Raum der Stille“. Entsprechend der Philosophie eines kommunalen Krankenhauses wurde dieser Bereich überreligiös konzipiert. In der Raummitte findet sich eine großflächige florale Ornamentik der Künstlerin Gabriele Wilpers. Von ihr stammt auch eines der spektakulärsten Kunstwerke im Odenwald. In dem nach einem Brand wiedererbauten gläsernen Dachfirst von St. Valentin in Limbach hat sie eine gläserne Zwischendecke eingezogen, die über dem Kirchenraum schwebt, einen Kreuzweg aus Licht, den sogenannten Himmelsgarten.

Große Skulptur mit urmenschlicher Geste

Standortwechsel. Im zweiten großen Karlsruher Krankenhaus, dem kirchlichen Vidia-Klinikum, wirkt seit 13 Jahren der Priester Matthias Mertins. „Vidia“ ist ein Kofferwort. Es setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben des Vincentius-Krankenhauses und des Diakonissenkrankenhauses. Vor zehn Jahren gingen das katholische und das evangelische Haus zu den „ViDia Christlichen Kliniken Karlsruhe“ zusammen. Zufällig gehen beide auf das Jahr 1851 zurück, entstanden aus einem bürgerschaftlichen Engagement heraus gegen die Not in der Stadt. Heute beherbergt die Vidia-Klinik in ihren beiden Standorten 1000 Betten, in denen stationär jährlich 50.000 und ambulant 150.000 Patientinnen und Patienten behandelt werden.
 
Das Seelsorgeteam aus Vidia-Klinik und Städtischem Krankenhaus zusammengenommen besteht aus insgesamt sechs Pastoralreferenten und -referentinnen. Des Weiteren gehören zwei Priester, eine Gemeindereferentin und eine pastorale Mitarbeiterin dazu. Es gibt einen Bereitschaftsdienst rund um die Uhr.
 
Im Unterschied zum kaiserreichlich anmutenden Gelände der Städtischen Krankenhäuser ist der christliche Charakter der Vidia-Klinik sofort erkennbar. Eine 2,50 Meter hohe Bronze dominiert den Eingangsbereich des vor fünf Jahren fertiggestellten Neubaus. Der Rottweiler Bildhauer Siegfried Haas (1921-2011), der in einer kirchlichen Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus aktiv war und zeitweise dem Franziskanerorden angehörte, hat sie bereits 1976 geformt. Thema der Zwei-Figuren-Skulptur ist die Hilfsbereitschaft. Hintergrund könnte die Geschichte vom Barmherzigen Samariter sein oder aber Jesus, der einen Kranken heilt. Eine stehende Figur wendet sich leicht gebeugt mit einer urmenschlichen Geste der Hilfe einem Bedürftigen zu, der am Boden liegt und dessen Arme sich dem Helfenden entgegenstrecken, Sinnbild christlicher Caritas.

„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“

Die Wertschätzung kirchlicher Seelsorge ist in der christlichen Klinik offensichtlich. Bei der Einführung eines neuen Chefarztes oder -ärztin gibt es in der Vidia selbstverständlich einen geistlichen Impuls, bei der Neueröffnung einer Station wird ein Segen gesprochen. Ebenso beginnt das neue Schuljahr der Krankenpflegeschule mit einer geistigen Wegrüstung.
 
Die Kapelle der Vidia-Klinik ist ein schmaler hoher Raum moderner Bauweise mit Orgel und Seitennischen. Sie bietet 50 Gläubigen Platz. Entlang der gesamten linken Seite spannt sich der Glasfensterzyklus aus der alten St. Vincentius-Klinik aus dem Jahr 1972. Der Karlsruher Maler und Bildhauer Emil Wachter (1921-2012) hat in 18 Bildmeditationen eine Botschaft der Hoffnung nach Psalm 126 gestaltet. Es sind Bilder des Lebens, ausgedrückt in den Leiden und Freuden Israels: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden“ – ein Wallfahrtslied, das Pilger hinauf nach Jerusalem gesungen haben. Es vermittelt Trost in einem Prozess aus dem Elend zum Heil: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“
 
  
 
Das verwendete Formelement in immer neuen Abwandlungen „ist die Rundform, die sich jeweils größer oder kleiner oder geteilt in andere Farben bettet und insgesamt etwas wie ein Sonnensystem ergibt, in dem für ein suchendes Auge das Auf und Ab, das Kommen und Gehen, Enttäuschung und Erwartung des Lebens enthalten sind“, so hat Emil Wachter selbst seinen Originalentwurf gedeutet.

Beten mit Muslimen unter einem Dach

„Ich merke immer wieder, wie Menschen vor diesen Fenstern sitzen und die Farben genießen“, sagt Pfarrer Mertins. Die Leute bräuchten einfach mal Ruhe im Getriebe des Krankenhauses. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zögen sich in ihrer Mittagspause hierhin zurück, um zur Ruhe zu kommen. Sehr viele Menschen zündeten Kerzen an – „ich bin ständig dabei, neue Kerzen zu bestellen“, sagt Mertins. Ihr Licht bringe Helligkeit in dunkle Situationen, es strahle Wärme aus und gebe Orientierung. Nicht ohne Grund sage Jesus: „Ich bin das Licht der Welt“ (Johannes 8,12).
 
Aus der alten Steinhäuserkapelle, die vor allem für die Messe der Bühler Ordensschwestern gebaut worden war, die in den Vincentius-Kliniken in großer Zahl zwischen 1851 und 2008 gewirkt haben, wurde die Altarplatte in das neue Gotteshaus mitgenommen und mit einem neuen Unterbau versehen. Tabernakel und Kreuz sind aus Emaille und mit Bergkristallen verziert. Anziehend wirkt die Marienfigur an der Wand, eine Schutzmantelmadonna in gebranntem weißem Terrakotta mit halb einladender, halb umfangender Armhaltung. Sie kommt aus einer Werkstatt in Loppiano, einer internationalen Siedlung der Fokolar-Bewegung unweit von Florenz.
 
  
 
Eine Besonderheit ist der Gebetsraum für Muslime. Abgetrennt im hinteren Teil der Kapelle bietet er Platz für ein bis drei Personen für ihr Gebet gen Mekka. Ein Pfeil zeigt die Richtung an. Zwei Läufer auf einem größeren Teppich sind entsprechend ausgerichtet. „Der Raum wird sehr rege genutzt“, sagt Pfarrer Mertins, „mir ist es wichtig, dass wir unter einem Dach beten.“ Ohnehin sei viel Toleranz nötig, wenn man als Klinikseelsorger mit Menschen zu tun hat. Nicht nur zwischen den Religionen, sondern auch im allgemeinen Umgang mit allen möglichen Zeitgenossen.

Angesichts des Todes sprachfähig werden

„Wir treffen auf Menschen, so wie sie sind“, sagt Mertins. Es seien regelmäßige Kirchgänger darunter, überwiegend jedoch Menschen ohne Kontakt zur Kirche. Auch Guntmar Huber sieht das so: „Das Tolle ist, dass wir dem ganzen Spektrum der Gesellschaft begegnen: alle Nationalitäten, Kulturen, Weltanschauungen, vom Obdachlosen bis zum Uni-Professor.“ Da müsse man offen sein, sagt Pfarrer Mertins – auch auf Seiten der Patienten, denn Lebensthemen seien immer auch geistliche Themen. Menschen haben Angst, wissen nicht, wie es weitergeht, sie fragen nach dem Sinn, sie fragen danach, wie Gott das zulassen könne, sie fragen auch nach Schuld.
 
Aus den jeweiligen Gesprächen mit Huber und Schleicher in der städtischen und mit Mertins in der kirchlichen Klinik ergibt sich ein gemeinsames Bild. Es gibt Themen, über die mit Patienten so gut wie nie gesprochen wird: „Kirchliche Themen spielen kaum eine Rolle. Wir reden nicht über den Papst“, sagt Pastoralreferent Huber. Andere verbieten sich regelrecht: „Wir missionieren nicht. Wenn wir gefragt werden, geben wir Zeugnis von unserem Glauben und unserer Hoffnung. Doch in der Notlage zu missionieren, ist unangebracht.“
 
Vielmehr steht die Lage des Kranken im Mittelpunkt. „Man muss sich vorstellen, da starrt jemand den ganzen Tag die weiße Wand an“, sagt Mertins, „da rattert das Hirn, da kommen Dinge von früher ungeschminkt hoch.“ Er versuche, ein offener, freundlicher Ansprechpartner zu sein, wenn die Frage nach Gott nicht gestellt werde, sei es auch gut. Kollege Huber sagt, meist müsse man gar keine Fragen beantworten, die Antwort liege schon im Menschen selbst: „Jeder Mensch hat seine eigene Antwort.“

„Du bist nicht allein“

  
Alexander Schleicher und Guntmar Huber
Pfarrer Matthias Mertins
 
Die Seelsorger nehmen sich Zeit. „Time is money“ gilt nicht. „Wir haben Freiraum fürs Zuhören, oft keine Antwort, oft bleibt nur, die Ohnmacht auszuhalten.“ Zu vertrösten ist laut Huber keine Option, dies wäre nur billiger Optimismus im Unterschied zu wahrem Trost, der die Situation ernst nehme und über sie hinausweise. Die Seelsorger wollen Menschen bestärken, Kraft geben. Viele Menschen seien es nicht gewohnt, irgendetwas Positives über sich zu hören. Allein schon die Frage „Wie geht’s Ihnen?“ löse bei Manchem Verwunderung aus. „Das hat mich noch nie jemand gefragt, höre ich immer wieder“, sagt Pfarrer Schleicher. Wenn man jemandem gar zu vermitteln versuche, wie wertvoll er sei, gerade so wie er sei, dann könne dies den ein oder anderen „umhauen“, so er immer nur vernommen habe, was er alles nicht könne.
 
Alle drei Seelsorger sind bei ihrer Arbeit ständig mit dem Tod konfrontiert, die Sterbebegleitung ist ein wesentlicher Bestandteil. Guntmar Huber ist viel auf der Palliativstation unterwegs. Alexander Schleicher auf der Strahlenabteilung. Und Matthias Mertins sagt: „Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Tote ich schon gesehen habe.“ Angesichts der damit verbundenen Ängste falle es selbst älteren Menschen oft schwer, über das Sterben und den Tod zu sprechen. Umso wertvoller sei es, gerade in der Stunde des Todes jemandem das Gefühl zu vermitteln: „Du bist nicht allein in Deiner Situation.“ Bisweilen seien es intensive Gespräche, in denen das Wort Gott nicht notwendigerweise vorkomme, „doch ich habe den Eindruck, dass er da ist“, sagt Huber.
 
(asc)